Kinder sind selbst die besten Ingenieure ihrer Entwicklung. In der MINISCHIRN kann der junge Nachwuchs im Alter von drei bis sechs Jahren auf eigene Faust das ABC von Kreativität und Kunst erkunden.

Mit dem Erlebnis- und Erfahrungsraum erweitert die Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main ihr kunstpädagogisches Programm.

Das ganzheitliche Gestaltungskonzept setzt auf Ausprobieren statt vorgefertigte Botschaften. Auf über 100 Quadratmetern geben Rauminszenierungen und Experimentierstationen Impulse für die eigene Erkundung der Grundprinzipien ästhetischer Wahrnehmung.

Ob Irritation oder Transformation: Farben mixen oder fühlen, mit dem eigenen Schatten experimentieren oder einfach alles mal zusammenfalten.

Was kompliziert oder abstrakt klingt, ist in der MINISCHIRN im wahrsten Sinne des Wortes ganz leicht zu begreifen.

Die Architektur des Spiel- und Lernparcours ist der Idee eines Baumhauses entlehnt und lässt sowohl Spiellust als auch Bewegungs- und Forscherdrang gleichermaßen viel Raum. Die Kinder erobern hier die Welt der Farben, Formen und Strukturen: Ohne Anleitung, ohne Eltern – aber mit jeder Menge Spaß.

Auftraggeber:
Schirn Kunsthalle Frankfurt,
Frankfurt am Main

Architektur und Szenografie:
Atelier Markgraph, Frankfurt am Main

Grafik:
Christian Bitenc, Frankfurt am Main

Exponatebau und Medien:
ExpoTec, Mainz

Licht:
Stephan Zimmermann Lightsolutions, Oberursel

Ausstellungsbau:
Expotechnik, Frankfurt am Main

Renderings/Modellfotos:
Atelier Markgraph, Frankfurt am Main

Dokumentationsfotos:
Kristof Lemp, Darmstadt

Forschendes Lernen

Dr. Chantal Eschenfelder ist Leiterin der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ an den Häusern Schirn Kunsthalle, Städel Museum und Liebieghaus in Frankfurt. Im Interview erläutert sie, warum es interessant ist, mit Kinder zu arbeiten und welchen Beitrag die Kunstvermittlung für eine ganzheitliche Entwicklung leisten kann.

Frau Dr. Eschenfelder, Sie verantworten ein vielfältiges Programm mit dem ehrgeizigen Anspruch die unterschiedlichsten Besucherinteressen zu erreichen. Was ist das Besondere an der Zielgruppe Kinder?

Für uns sind Kinder als Zielgruppe aus zwei Gründen ganz besonders interessant. Zum einen wissen wir nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch durch offizielle wissenschaftliche Studien: Je früher man Kinder an Kunst und Museen heranführt, umso nachhaltiger wirkt sich das auf das spätere Leben aus, wie beispielsweise die Entwicklung eines Interesses an kulturellen Themen oder auch von persönlichen Kompetenzen wie Wahrnehmung und Kreativität. Es gibt immer noch Menschen, die uns fragen: „Wieso machen Sie überhaupt Programm für Kinder? Die finden das doch langweilig.“ oder „Das ist doch zu früh.“ Zum Glück wird dies immer seltener.

Zum anderen sind Kinder, anders als Erwachsene, die durch vieles vorgeprägt sind, vollkommen offen:  Sie sind neugierig, haben Interesse an Allem und Jedem, und da gehört vor allem auch der Bereich Kunst und Kreativität dazu. Da ist es völlig egal, ob sie auf alte Meister oder Gegenwartskunst treffen. Kinder stellen ihre Fragen und äußern ihre Befindlichkeiten einfach gerade heraus. Man kann dadurch intensiver in eine Diskussion einsteigen und zum Beispiel vielfältiger mit unterschiedlichen Themen aber auch Materialien experimentieren.

Wenn Kinder im Vergleich zu Erwachsenen ganz besondere Interessen und eine besondere Art zu begreifen und zu sehen haben, wie gehen Sie dann auf die jungen Besucher zu?

Die Zeiten sind vorbei, als man noch Kinderführungen wie Vortragsführungen gestaltet hat. Man muss spontan an den Beobachtungen der Kinder anknüpfen. Kinder sehen anders. Wo Erwachsene eher das große Ganze betrachten, achten Kinder eher auf Details. Ihnen fallen Dinge auf, die Erwachsene oft überhaupt nicht wahrnehmen. Der wichtigste Ansatzpunkt bei Kinderführungen ist, das forschende Interesse zu wecken und zu unterstützen.

Fortschrittliche Pädagogik respektiert, dass Kinder ihre eigene Entwicklung selbst vorantreiben, dass sie sich selbst bilden. Was kann man Kindern anbieten, ohne sie zu bevormunden?

Man sollte Kindern vielfältige Impulse geben, der Rest entwickelt sich fast von selbst. Das können Werke sein, die einfach ungewöhnlich sind, besonders schrill, besonders groß, besonders klein, bunt oder gerade nicht bunt – das ist ganz unterschiedlich. Wichtig ist nur, dass man nicht anfängt nach Sparten zu trennen. Früher hat man im Kunstbereich nur Kunst gemacht, im Technikbereich nur Technik, alles war voneinander abgegrenzt. Wenn aber Kinder ihre Welt erobern, dann ist es die ganze Welt: Das kann etwa eine Pfütze sein, bei der es nicht nur Spaß macht rein zu springen, sondern es auch interessant ist, die sich bewegende Wasseroberfläche zu beobachten, wie sich zum Beispiel das eigene Spiegelbild hierbei verändert. Technische, naturwissenschaftliche und künstlerische Aspekte gehen in der kindlichen Wahrnehmung nahtlos ineinander über. Es ist wichtig, dass museumspädagogische Programme für Kinder diese Offenheit nicht beschränken.

Wie sieht das konkret bei einer Ausstellung aus. Welche Gedanken und Schritte stehen am Anfang, wenn Sie ein kinderspezifisches Programm entwickeln?

In der Schirn Kunsthalle Frankfurt haben wir keine ständige Sammlung, wie in einem Museum üblich. Das Haus lebt durch seine Wechselausstellungen. Im Gegensatz zu ganz freier Kunstvermittlung haben wir immer wieder den Anspruch, den speziellen Aspekt  jeder einzelnen Ausstellung zu vermitteln. Hierbei versuchen wir etwa Themen heraus zu kristallisieren, die sich mit den Interessen und den Lebenswelten der Kinder decken. Hierbei wird das Programm speziell auf die einzelnen Kinder-Besuchergruppen abgestimmt, nicht nur altersspezifisch, sondern etwa für Kinder, die am Wochenende mit ihren Eltern kommen, oder für jüngere und ältere und für Schulklassen.

Ein ganz wichtiger Baustein ist der praktische, haptische Teil eines Programms, der sich an den Rundgang durch eine Ausstellung anschließt.

Dafür hat die Schirn auch eigene Räume geschaffen. Was bedeutet die außerordentliche Erweiterung dieses Bereichs durch die Eröffnung der MINISCHIRN?

Neben dem sogenannten Schirn Studio, in dem zum Beispiel gestaltet, gemalt oder mit Ton gearbeitet wird, ist die MINISCHIRN ein neues Angebot, das sich von all dem fundamental unterscheidet. Sie ist für uns die ideale Ergänzung zu unserem bisherigen Programm – an dem wir selbstverständlich auch weiterhin festhalten. Die MINISCHIRN ist dafür da, dass die Kinder das tun können, was normalerweise in einer Ausstellung nicht möglich ist: Ihrem Bewegungsdrang nachkommen und ungefiltert sowie unbehindert durch ihre Eltern ihrem eigenen Entdeckerdrang nachgehen. Sie richtet sich an unsere jüngsten Besucher, ungefähr zwischen drei und acht Jahren. Entscheidend ist, dass wir mit der MINISCHIRN ästhetische Basisfertigkeiten – wir sprechen da immer von einer „ästhetischen Alphabetisierung“ – fördern. Das heißt, Kinder können in der MINISCHIRN spielerisch mit Grundlagen des ästhetischen Gestaltens umgehen, ohne dass man es ihnen zuvor erklärt oder bestimmte Vorgehensweisen vorgibt. Sie können ganz alleine ihrer eigenen Neugier nachgehen, ihrem Entdeckerdrang folgen und spielerisch die verschiedenen Ebenen in der MINISCHIRN erkunden.

In der Entstehungszeit der modernen Kunst wurde die kindliche Phantasie zum befreienden Argument gegen traditionelle Bildung. Ist das heute noch aktuell? Inwieweit profitieren die Kinder davon?

Die Künstler Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts fingen an, sich gegen die Regeln der Akademie zu wehren, nach unmittelbaren Ausdrucksformen zu suchen, die besser zu dem Leben und zu der Gesellschaft, die sich entwickelt hatte, passten. Das war die Suche nach dem sogenannten Ursprünglichen, ein bisschen auch nach dem verlorenen Paradies. Ob Sie Paul Gauguin oder Emil Nolde betrachten, der sich angeblich an Kinderzeichnungen orientierte, oder andere, die ihre Paradiese in exotischen Welten, in Völkerkundemuseen und Masken suchten: Es war der Versuch, die menschliche Kreatur zu befreien vom sogenannten Bildungsballast und dessen vorgegebenen Normen – der Beginn eines langen Prozesses.

Im Zuge der pädagogischen Reformen der 1960er Jahre kam es in Deutschland zu einem großen Aufschwung der Kunstpädagogik. Man hat das Potenzial erkannt, aber einiges auch missverstanden, zum Beispiel wenn man den Satz von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ wörtlich nahm und jede kreative Äußerung von Kindern mit Kunst gleichsetzte. Hierdurch ist oft der kritische Blick bzw. der Anspruch für manche künstlerische Position verloren gegangen. Umgekehrt betrachtet ist dies  auch ein beschränkter Blick auf den kreativen Prozess kindlicher Entfaltung. Schon bei grundlegenden ästhetischen Wahrnehmungsprozessen wie die Unterscheidung von Farbe und Form, sind doch Gesetzmäßigkeiten und Phänomene aus vielen Fachgebieten wie Mathematik, Biologie, Psychologie und Kunst miteinander verbunden. Heute ist man viel weiter, betrachtet den Bildungsprozess ganzheitlich, gestaltet ihn interdisziplinär und argumentiert etwa mit dem Begriff „Forschendes Lernen“. In der MINISCHIRN setzen wir genau dies um.

Was gehört ihrer Meinung nach zu einer ganzheitlichen Kreativitätsförderung, wie sollte sie aussehen? 

Ich möchte hier ein sehr erfolgreiches Programm aus unserem Vermittlungsportfolio als Beispiel anführen: „Kultur.Forscher!“, das wir zusammen mit einer Frankfurter Schule umgesetzt haben. Hierbei konnten wir in optimaler Weise fachübergreifend vorgehen: Im Chemieunterricht wurde das Thema Farben behandelt. Danach kam die Klasse zu uns in das Städel und hat sich Werke angeschaut, die mit verschieden hergestellten Farben entstanden sind.  Anschließend richteten die Schüler selbst mit Pigmenten und Eigelb eine mittelalterliche Farbwerkstatt ein. Das ist ganzheitliches Lernen!

Brauchen Kinder eigentlich Kunst?

Ja, auf jeden Fall. Ich möchte hier zur Verdeutlichung eine Anekdote über einen hochdotierten Chemieprofessor und Leibniz-Preisträger anführen. Ihm wurde bei einem Besuch seiner alten Schule voller Stolz der neu eingerichtete Chemietrakt präsentiert. Nach seinem Urteil gefragt, gab er eine unerwartete Antwort: „Toll wenn eine Schule so etwas hat. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll: Das, was mir aus der Schule am meisten für mein späteres Leben gebracht hat, war der Kunstunterricht.“ Und erklärte dem entsetzten Direktor: „Da habe ich räumlich denken gelernt.“

Es war bestimmt richtig, nach dem PISA-Schock die MINT-Fächer stark zu fördern. Aber es war falsch, dafür Kunst- und Musikfächer zu opfern. Meiner Meinung nach wurde hier an der falschen Stelle gespart. Ohne kulturelle Bildung verkümmern wertvolle Eigenschaften. Zu ihrer Entwicklung braucht es Anregungen und zwar sowohl im Passiven wie im Aktiven, das schließt die Konfrontation mit Kunst ein. Heute ist man auf gutem Weg dies wieder umzusetzen – die MINISCHIRN ist das beste Beispiel hierfür.

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